Ebene 1
  Gedankenwürfel Ebene 1
Texte von Franz Glas

Sie finden hier meine Gedankentexte auf zwei Ebenen eines wachsenden Würfels. Jede Ebene bietet ein 8 x 8 Felder großes Brett, dessen Sinn nicht unbedingt die Orientierung, sondern der Lesespaß ist..
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Ich wünsche Ihnen viel Lesefreude !

Franz Glas
a2
.
    Phantasie

    Ich gehe spazieren
    fresse das Gras
    stecke den Baum in die Tasche
    und schlürfe genüsslich
    den kleinen Bach aus
    bis ich trunken
    die Sonne runterhole
    damit ich nicht so friere
    in der Wirklichkeit

    Franz Glas, 1990

a3
.
    letztlich

    wir begreifen blosse Laute
    meist ohne das Dahinter
    verstehen nur das Gesagte
    vorbei am Gemeinten

    doch die Stille trägt
    auf ihrer stummen Welle
    das Schiff der Sprache
    weiter als ein Wort

    ich hab's gehört
    in leisen Gesprächen
    hab's erlauscht
    im tollen Reden

    kein einziges Wort
    hat diese Welt noch nötig
    bleibt am Ende
    nur das Schweigen


    Franz Glas

    1994
.
a4
    langsamer Tag

    staubkorngross
    ich in mir

    magenknurrend
    schmerzen leere Muskeln
    den Hunger nach Grün

    gelähmtes Augenharren
    am Weiss der zähen Tagesflüsse
    feuchte Füsse an Beinen mit Blei

    Arme gähnen kurzhebig
    fallend neblige Gleichgültigkeit
    in jeden schnellen Morgenblick

    auf meinem kalten Rücken
    das gebeugte Haus aus Leim
    mit ölig-quietschender Kriechtür

    krümme mich klein
    in die Ecke einer Farbe
    unsichtbar im kahlen Grau


    Franz Glas

    August 1993
a5
.
    Hundewetter

    heute wieder gespürt
    die Nähe der Leere

    hundgleich getrottet
    an der Leine des Grau

    brav ausgeschleckt
    den Oberflächennapf

    nicht mal gebuddelt
    nach tiefen Knochen

    und im Abendrot
    dann doch noch
    ein Bellen



    Franz Glas

    August 1993
a6
.
    Golf 91

    Machtlos sitze ich
    joghurtschleckend und
    fernsehguckend
    auf meiner warmen Couch
    und überlege betroffen,
    was die Frau
    des getroffenen Soldaten
    jetzt wohl machen wird
    und was sein Sohn
    und was
    ich


    Franz Glas

    1991
a7
.
    Zeit für Liebe

    Liebe färbt meine Nase grün
    und lässt meine Brauen blühen
    über den lauthals lachenden Augen

    ich atme Deine Blicke ganz tief ein
    blinzele Deinen Lippen das Rot weg
    unsere Hände plaudern miteinander
    meine Nerven hüpfen Seil

    Vor Dir ahnte ich nur, dass
    ich Angst irgendwann überwinde

    doch Du bist jetzt
    und jetzt wird zum irgendwann

    und so werfen wir der Zeit
    Liebe in die Beine


    Franz Glas

    1990
a8
.
    das Schuldgrün

    tz, ein seltsamer Ficus
    mein Ficus

    ich hörte davon
    wie er sein Grün wegschmiss
    seine braun gewordenen Blätter
    verwüsten das Zimmer
    die Reste liegen noch heut im Haus

    tz, ein seltsamer Ficus,
    mein Ficus

    jetzt treibt er neue
    um sie fallenzulassen
    ich schaue zu,
    giesse und dünge


    Franz Glas

    1994
b1
.
    daneben

    ich hab zugenommen
    meine Gedanken passen nicht mehr

    meine Bilder reißen überhand
    verbunten Graues mit Zugrün

    mein Fragen hat sich verhoben
    hängt über meinem Mittendrin

    mein Stehen hat Prinzip: daneben
    falle über die Beinknoten
    der läufer Mit Ohnziel

    müde richtungszweifelnd
    folge ich meinem Blick
    und ziehe aus


    Franz Glas

    1994
b2
.
    im leeren Haus

    schlage allen Türen
    ihre Hintern rot
    weil sie nicht verbergen
    was dahinter schweigt

    blase leere Stühle
    mit Alleinsein auf
    lasse sie zerplatzen
    weil sie niemand braucht

    knalle alle Worte
    gegen kalte Wände
    klatschende Strafen
    für unerhörtes Leersein

    stürze beim Durchgreifen
    bloß erdachter Hände
    ein kristallnes Glas zu Bruch
    Opfer für Dein Wegsein


    Franz Glas

    1994
b3
.
    Nähe der Leere

    an meinen Lippen ein Stift
    klopfend nach der Stimme
    bis sie schreibt das Stumme

    das Ziel landet Treffer
    im Magen meiner Tiefe
    ungewollt geöffnet grüne Türen

    tropfe vorbei am Wahren
    doch entsteige trockenem Wahn
    und trinke fliessende Wärme

    in mir noch kein Schweigen
    weiter ein in mir Schwimmen
    weiter ein Schreiben


    Franz Glas

    November 1993
b4
.
    im Denken

    kurz hinterm Herbst
    knapp nach der Blättermelancholie
    den Wind noch im Rücken

    fällt mein Segel zu oft
    in reißende Fälle
    verwundeter Wasser

    weiter wasser weiter
    laufe lebe laufe
    enge flure lang

    unvermutet dann
    ein Wort weiter


    Franz Glas

    1994

b5
.
    Erdtränen

    vom Boden in die Nase
    steigt der Regen kriechen

    vom Hintern zu Kompost
    mäht das Gras stehlen

    von der Furche ins Brot
    faltet der Boden reifen

    vom Beton zum Kiesel
    kälzt das Farn siegen

    vom Boden bis zur Nase
    lernt das Wasser stinken

    alle Weltfehler


    Franz Glas

    1994
b6
.
    Konstanz des Unbedingten

    Die Bojen Erichs
    modern und lassen ihr Rot
    metallenen Wellen zum Fraß
    Neue setzen immerzu?

    Spiegelzungen
    lecken microfein
    Reste ihrer Richtung

    alte Schilder sagt man
    ins Leere oder Alte

    unbedingte Räder
    Symbole dunkler Schächte
    ausgedienter Schichten

    wir heizen Gas
    orten mit Radar und Lot

    wir kleben und kehren zurück
    setzt neue immerzu!


    Franz Glas

    1997
b7
.
b8
.
    Handgrün

    Schreibtischapplaus
    am Füller vorbei
    zum einzigen Paar
    neben den Schuhen
    in der Ecke
    die Ohren

    Und sie verbeugen sich
    grinsend über ihr Stummsein
    eine Musik nebenbei einfechelnd
    vielleicht zu erhaschen
    ein Handgrün

    dazwischen der Vorhang
    sich des Schließens sicher
    vor solchem Wahnsinn:
    aus dem Horchen zu erhoffen
    ein Handgrün


    Franz Glas

    1994
c1
.
    der langsame Winter

    über die Sommerschnelle
    mit ihrem Kältzen
    legt das Winternaß
    unversonnte Langsamkeit

    Feste selten sich
    Außendrang näßt davon
    der Winter spannt gewissenhaft
    sein Dunkel vor die Denkzeit

    aber ich tiefe kürzer als früher
    denke zwar stolpernd und stockend
    aber richtungsloser
    und leiser


    Franz Glas

    1994
c2
.
    aber Ihr rennt

    Im Fahrtwind des Weitergehts
    seifig laufendes Entgleiten
    ungeduldig erhuptes Morgen

    Im Blickschritt das Gradaus
    rutschig sausendes Übergehen
    zertrampelter Jetztmomente

    mein Lächeln
    über Zerbrochenes
    aus Eurem Händeglatt
    rolladet nun den Faden
    gestern sachte gespannt
    an Eurem scheinbaren Stand

    aber Ihr rennt
    weiter und weiter
    das Stehen verlernt
    zu halten vergessen
    aber Ihr, Ihr rennt



    Franz Glas

    1994
c3
.
    für mich

    Wolkenschlaf
    über den Himmel gleitend
    Licht bei geschlossenen Augen

    Vogelsicht
    des Frosches, grün vor Blindheit
    Höhenflug im Krabbeln

    Flügel
    unter meinem Frust
    nass durchschwemmt
    kein Flug
    kriechend auf Angst
    über die Hoffnung

    überrascht bald, wenn
    von diesen Worten
    nichts mehr verständlich


    Franz Glas

    1994
c4
.
    der Rabe

    alte Worte
    greifen nach Tieren
    unbändig traumhaft

    abgehoben
    unbekannte Wesen
    singen Wegtauchlieder

    unverständlich
    in den Hunger geschrieben
    auflösende Suchbilder

    nie durchbrochen
    die andere Seite
    fliegende Grenzen

    auf meiner Schulter
    dunkel geheimnisvoll
    der Rabe, mein Krächzen

    an meinem Hals
    ein Schal
    der wärmt


    Franz Glas
    August 93
c5
.
    Luftlichter

    Vertrautes Stöbern in Altem
    eine stille Flasche Wein
    am Fusse des Gedankenberges
    im Mund liegt trocken
    die Würze der fragenden Zunge

    leere Rahmen an der Wand
    schrankkramendes Malen
    alter Freundschaftsbilder
    die Hand hält vergessen
    einen spinnverwebten Pinsel

    gelöschte Briefe in der Lade
    klammernder Nachlauf
    längst verzogener Nachbarn
    das Auge enthüllt verträumt
    das Unwahre vergangener Worte

    suchte eine alte Helle
    und hole doch noch
    vorsichtig aus dem Vorbei
    ein kleines Luftlicht zu Tage


    Franz Glas
    August 93
c6
.
    carpe diem

    Ein Sonntag schleicht davon
    ich krieche durchs Zimmer
    und werfe mich zäh aufs Bett
    Es war ein ganz normaler Tag
    es hat ganz leis geplätschert
    alles flie t so vor sich hin
    Nur die Birne an der Decke
    sticht hart in dieses Dunkel
    und fragt mit strengem Blick
    Kann das schon alles sein ?


    Franz Glas

    1991
c7
.
    Aug in Aug

    zerlutsche zähneknirschend
    Feigenkerne roter Ohren
    von kurzen Tagesfingern
    schallend hart geklatscht
    an mein Indentaghinein

    rundgebaute Mauersteine
    sägen wieder Kopfscheiben

    um dem Tag mich zu stellen
    in seine Augen
    trenne ich mich vom Traum
    verlasse den Schlaf



    Franz Glas

    Januar 1995
c8
.
    Schnibbelworte

    das Gedankenstöhnen
    im Handballenecho
    hallt scheerig zurück
    zurück zum Kopftresor

    dazwischen kurze Mähzeit
    knappe Sensenworte
    kürzen dunkle Nebelstangen

    Was Weltiges unter Schärfe
    fällt scheibig nebenander
    fein gehackte Wurstpalette

    das Gedankenstöhnen
    im Handballenecho
    hallt scheerig zurück
    zum Kopftresor zurück



    Franz Glas

    Januar 1995
d1
.
    kopfschüttelnder Floh

    Labelloschnecken
    ziehen über
    trockene Lippen
    im Kurzwarmgras

    ich runzele
    unsere Ignoranz
    über das Dammbohren
    unserer Wurmzucht

    erwarte Wasserpferde
    die Blumenfelder
    vergallopieren

    fürchte Steinspinnen
    die Ausgelöschte
    belächeln



    Franz Glas

    Januar 1995
d2
.
    Untätiges

    Der Tag lauscht der Nacht
    wie sie via Abend heranreist
    er kratzt schon die Schlafflöhe
    und krault seine Blutorangenhaut
    was vom Hell noch übrig

    dazu die Tagesschau
    die den Trinkenden zeigt
    wo gespritzt wo gepresst wird
    in Softdrinks saftig geschnitten

    fast könnte man zahnspeien
    dem Tag vor die Füße
    aber er läuft weg
    ein Häufchen Nacht zurücklassend
    wie so oft



    Franz Glas

    Januar 1995
d3
.
    vor meinem Fenster

    mein Zimmer
    mit Dachkaube
    ein Fenster
    zum Hinausträumen

    darüber eine Rinne
    defekt und lärmend
    fallen brüllende Tropfen
    haltlos in den Todesflug

    reißen sich gegenseitig
    blumbernde Kugeln
    in die klatschende Tiefe

    naß schreit das Plätschern
    zum Weiterbohren des Regens
    in der Wunde des Bleches

    lauter und lauter
    stoßen sich Wasser
    ineinanderkrallend
    über den Rand

    und ich wähle fließend dazu
    die Musik, der ich lausche


    Franz Glas

    Juli 1993
d4
.
    Pausenstille

    Regentropfen schicken
    Haltgesuche
    an den Dreck in der Luft

    Flüsse schreien
    nach Dämmen
    mit Freude über die Ruhe

    Wale schwimmen
    im Kreis
    genießen ihre Ziellosigkeit

    Sterne scheinen
    Stille
    auf die tosende Welt herab

    Der schnelle Falke in seinem Fallen
    hält inne im Sturzflug
    bleibt stehen
    nur kurz
    um zu lächeln
    über die stillende Pause


    Franz Glas

    März 93
d5
.
    Wie der Baum
    seine Hand öffnet
    für einen neuen Ast
    schwimme ich im Zulassen
    des Keimes im Kopf

    nehme
    nachdenklich lauschend
    auf die Worte unserer Augen
    aus dem Gefühlsohr
    die Watte

    von hinten eingeschlichen
    ein Wunsch
    der am Fluß steht

    Franz Glas

    März 1993
d6
.
    kniefalle dem Wort

    Eisenbrücken würgen meine Füße
    während Einbeinpferde stolpern
    über grau verloschene Lichter

    nur ich verneine den Boden
    wage einen freien Leersprung
    kurzes Fallen vorm Flügelfang

    doch der Flug erkrankt an seiner Tiefe
    ich erspringe mir Wolkengifte
    die meinen Falken halftern

    daher eckenkrümme ich mir
    unter spöttischem Taubenapplaus
    segelnde Starrblicke

    bleibt
    mein Springen zu kerkern
    erschließe mein Drin, kniefalle dem Wort
    entsage dem Boden, wage die Baumflucht


    Franz Glas

    März 1995
d7
.
    baumen

    Verben verheißen Leben
    und alles Holz
    Glas und Stein
    erverbe ich mir

    nichts laß ich stehen:
    erkerze mir Stillsein
    ergrase mir Riechen
    erfarbe mir Sehen

    der Tisch begleitet den Füller
    würdevoll schreitend
    im Wasserglasgesang
    zur Hochzeit mit Erkopftem

    versteht Ihr?
    ich baume


    Franz Glas

    März 1995
d8
.
    Laufbefehle

    da wieder:
    Sprung des Vorbei
    in vierfünf Ewigworte

    wieder neu:
    erlerne mühsam
    stolpern statt laufen

    übermütig des Vorteils
    kran' ich die Lider hoch
    fuhre einen Blick hinaus

    der zurückfährt
    die Lider
    hinter sich
    zuschlagend


    Franz Glas

    1994
e1
.
    Mühle im Wind

    unbändig flattrig
    das Zappeln des Füllers
    feiere das Wort, das Neue
    auch wenn selbst mir fremd

    sprenge Rückhaltgitter
    was Flügel, soll fliegen
    wirr und lustig strömen
    Wortvögel gen Weite

    fechte gegen Fotos
    boxe in Beton
    kämpfe gegen Kälte
    erbreche Oberfläche

    will Grün erbeißen
    am Blau mich satt
    stehe zum Wort
    bekenne meinen Traum

    drehe mich im Rad
    unter Gedankensteinen
    läßt er mich malen
    ein Leben zu meinem


    Franz Glas

    November 1993
e2
.
    Fesselschlag

    auf der Couch
    unter der Uhr
    an der Wand

    übers Ohr tickt sie feige
    ihre schlagende Zeit
    in mich

    Hände hecheln dem Zeiger nach
    mein Herz im Stundenrennen
    mein Kopf, nur Lenkrad am Wagen

    schneide knapp die Kurven
    rase hin und nochmals hin
    dazusein, nicht her zu mir

    schleudere schonmal unter Atemquietschen
    auf sicherem Ruheeis aus den Erwartungsbahnen
    lebensrettend ungeschientes Luftgeschenk

    doch bald schon wieder
    schellen schrille Wecker
    meine Hände in die Zeit zurück


    Franz Glas

    November 1993
e3
.
    Baumfällen

    wieder so eine Bank
    auf der man sitzend erspürt
    die fade Lustlosigkeit
    mit der sie gestrichen
    im neidischsten Grün
    das Mensch je gehört

    ein dunkles Grün
    nicht mehr erinnerungsfähig
    an den Saft einst geflossen
    durch das Holöz am Rücken
    noch immer stehend
    auf dem Boden der Mutter

    darauf zwei Menschen
    füreinander stumm
    die Hände verwurzelt
    im hölzernen Wegblicken
    auf die Bäume der Lichtung
    in den Wald geschlagen

    es gibt sie erst
    seit dem Fällen der Bäume
    die Lichtung
    die Bank
    und


    Franz Glas

    September 1993
e4
.
    aus

    kommt vor dass Licht nur Schein
    kurze Autobahnblicke
    aufs Leben
    vorbei
    rasen Momente
    zum Greifen zu schnell
    in den Tunnel des Vergangenen
    lange nicht mehr sichtbar
    noch in mir glimmend
    kaum zu fassen
    irgendwas
    weg
    ist alles
    vorm Begreifen
    unmöglich erscheint
    abseits ein wohltuender Halt
    fähig uns zu befreien
    vom runden Radlauf
    im Zeitkäfig
    vor dem
    aus


    Franz Glas

    April 93
e5
.
    die Stirn in Blätter gelegt
    riecht das Müde
    aus der feuchten Hand

    lidernierderziehend
    nebeln sich die Stunden
    endlich über meine Augen

    an den gebissenen Lippenfurchen
    lässt getrockneter Wein
    ein Schmunzeln zurück

    ertanzte Kopfschwere
    auf kinnballenden Stützen
    ein Mürbe von weitem

    das Schmunzeln aber
    reckt sich zum Lachen
    und gibt dem Schlaf
    eine stützende Hand



    Franz Glas

    1995
e6
.
    Apfeltage

    immernasse Zungen
    schweinen lauter Apfeltage

    erlechzen hinter reinen Wangen
    die Reste für die Unterachse

    armzerschundene Nägel
    kratzen keine Spuren
    in hautlackierte Wände

    über lauter Apfeltage
    die Kerne
    im getrennten Müll


    Franz Glas

    1995
e7
.
    Windkinder

    gebracht hat uns
    der luftigbunte Herbst
    sachte hineingelegt
    in seine Ernte

    wir Windkinder
    laufen durch ihn
    um uns zu finden

    in mich ist eingezogen
    ein lachender Tag

    von Dir geboren
    umfasst dieser Sonnenlauf
    mit seiner Strahlenstunde
    jede Lichtleere in mir

    recke den Kopf in den Wind
    während
    Dir Dein Lachen
    Grübchen ins Gesicht weht



    Franz Glas

    April93
e8
.
    Cocon

    Schlafsackschlaf
    kein Drehen, kein Wenden
    kein Kniehoch, kein Armraus

    Die Füße fest.

    Ein Haufen Wärme
    überschüttet
    mit Enge

    begleitet von Mauernträumen
    samt Ellbogenwunden

    wie gern sähe ich mich
    zwischen zwei gespannt
    dem Zerreißen nahe


    Franz Glas

    1996
f1
.
f2
.
    Augstaffel

    sie geben sich die Hand,
    die Ängste, meist die rechte
    tauschen atemlos tote Hölzer
    und rennen um das Ende

    Welle für Welle im Warmen
    Scmlezstimmen überschlagen sich
    Halswasser stopft Morgenmünder

    das Ticken des Pilzes
    uns gerade kalt
    vom Rücken gekrabbelt

    aber es rieselt weiter
    wir leben nie mehr ohne


    Franz Glas

    1995
f3
.
f4
.
    Flaches im Rad

    zwischen Mäuseducken
    und wenigen Adlerschlägen
    aus ironischen Augenlächeln
    übers Imradlaufen

    auch im Vorschreiten
    läuft sich's im Kreis
    im Stehenbleiben
    dreht sich's schwindelig

    verliere wieder das Oben
    rechtsuntenlinks wie hinten
    vorne trage ich Flaches


    Franz Glas

    1994
f5
.
    wieder mal
    fällt Papier mit mir
    in den Korb

    gerade jetzt
    möchte ich liegen
    auf Deinem Boden

    nichts tun
    ausser ohne Füller
    kopfanschulter
    in Deinem Haar
    das Wahre suchen

    mit den Fingern im Genick
    Ruhe finden
    und mich


    Franz Glas

    April 1993
f6
.
    stallvoll

    Flußlieder schwimmen in mir
    um das Vergessen um die Erinnerung

    beraten den Sinn des Rückhalts
    etwas Neuem für die Erfahrung

    ich wate in der Lust
    und kämpfe mich raus

    Schwefelentzündung
    Moment des Stallvoll


    Franz Glas

    1994
f7
.
    Kinderlied

    Großmutter Worts
    Spaziergang
    zu Tochter Sprache

    brachte mir eine Milchflasche
    mehr
    und stahl mir die Brust


    Franz Glas

    1994
f8
.
g1
.
g2
.
    Jalousiensommer

    halbgeschlossene Fensterlider
    ziehen strenge Schattenlinien
    drunter lugen schelmisch
    kalte Kreise raus

    sonstwo hacken dünne Messer
    einen Jalousiensommer auf den Boden
    Linienschatten liegen scheibig
    als Reste schlechter Schnitte

    dem Schlafe offen
    sperre ich
    die Sonne aus

    oder lichte
    dem Hellen ergeben
    alle Winkel aus

    letzlich übe ich weiter
    die Rollladenkunst


    Franz Glas

    1995
g3
.
    als sehe es der Tag nicht

    Der Abend
    gibt dem Heute
    was es verdient
    die Dunkelheit

    und ärgert sich
    über die Machtlosigkeit
    sie zu erhalten

    an seiner Schulter
    kopfschüttele ich über
    die Ignoranz des Tageslichts


    Franz Glas

    1994
g4
.
    mittendrin

    Kilometerstand mittendrin
    uhrblickende Sprünge
    in kreislaufende Bänder

    Zeitzuggeratter
    ohrgestopfte Ichs
    beim Lebenslaufsurfen

    lehne mich hinaus
    ganz weit
    bis in Dein Zeitlos


    Franz Glas

    1994
g5
.
g6
.
    Nachbarsworte

    die lippigen Adern
    meines rheumatischen Handrückens
    zeugen Kinder blauen Blutes

    arbeitslose leichte Hände
    und schon Lügner

    ich wundere gerade noch
    die Spagatfähigkeit des Daumes
    und lege sie ab
    ins blaue Bergwerk
    links der Reißschiene gegraben

    sie ruht weiter während
    ihr Nachbar zuweilen
    glückauffährt
    auf Weißem zu räkeln


    Franz Glas

    1995
g7
.
    eine Flasche Wein
    das letzte Glas

    übermäßig voll glänzend
    meerige nie endende Würze
    mit hohem tragenden Stiel
    unter schwerem runden Schatz

    die Nase riecht schärfer
    als beim ersten möglich
    kreisende Zungen fahnden
    nach neuen Nouancenwinkeln

    kleiner werden die Schlücke
    länger das fangende Schmatzen
    häufiger das glitzernde Drehen
    größer, gefährlicher der Abend

    das Ende naht drohend
    das Halbe mahnt Schläge
    das beste Schlucken stockt
    verzweifelt eine Erinnerung zur Zunge

    sie legt sich pelzig dehnend
    wie ein Schiff ins Weinbett
    wirft Anker im Hochglucksen
    schmalzende Geschmäcke gen Gaumen

    am Rand noch
    fängt der Finger
    den letzten Tropfen
    in ihm lacht
    ein Stück Korken                 Franz Glas    1995
g8
.
h1
.
    das Hierjetzt

    beende
    das Händeschütteln
    zwischen Nabel und Sarg

    lasse das Kopfschütteln
    gehe schmunzelnd weiter
    mit aufgerissenen Armen

    verlache die Schnur
    ums graue Packet
    im nassen Lehm

    was
    gibt's schon zu enden
    das Hierjetzt trägt Lorbeer


    Franz Glas

    1994
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.
    Rückkehr

    Abend unter meiner Lampe
    neben halbvollem Kaffe vom Morgen

    in der Ecke eine Mittagspfanne
    unterm Resteteller mit trockenem Reis

    Abend unter meiner Lampe
    esse mir die Haut chipsig
    trinke mir den Kopf bierig

    das Bett aller Rückkehr
    naht mit offenen Armen
    ich schließe meinen Eingang
    stoße den Studierstuhl um
    und werf' mich in mein Müde


    Franz Glas

    1994
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.
    eine alte Idee

    ziehe Asche die Nase hoch
    verbrannter Geruch einer alten Idee
    ausgebrannt im Weiterweiterfeuer

    niemand beachtet seine Glut
    die über uns alle sich ergießt
    ausfrißt was wir sein sollten
    oder wollte ich wollten sagen?

    Asche im Taschentuch
    blase mich frei
    atme endlich
    ziehe die Luft ein
    Asche die Nase hoch


    Franz Glas

    1994
h4
.
h5
.
    oder die Ruhe vor

    Streithähne haben Fösche
    krähen händeschüttelnd
    vom zart stinkenden Mist

    ein Hund taubt der Katze
    unter grüßendem Mäusenicken
    einen Wink der Neuzeit

    die Angst der Finsternis
    das Dunkel zu überschreiten
    vertragliches Halbhell am Tag

    selbst die Pole schmelzen
    abgehängte Pendel
    neben ihrer Mitte

    schütteln ihren Kopf
    hin und her
    über dieses
    Immerauchanders


    Franz Glas

    1996
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.
    Schlaf

    ein einsames Licht
    stiehlt unverhohlem
    der Nacht den Glanz

    sie lauert ihm auf
    zum Schutze versteckt
    hinter graden Gardinen

    heimtückisch gibt sie
    den Blicken durchs Fenster
    stets schläferndes Schwarz

    mit zögernder Zeit
    bei geöffnetem Fenster
    schleicht sie herein
    im trojanischen Pferde
    verkleidet als Luft

    schon ruft sie behände
    den alten Helfer
    er schleift schon den Dolch
    und bohrt ihn von unten

    und morgen weiß niemand
    wie es leise erlosch


    Franz Glas

    1996
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.
    das Wolkenrennen
    in Windeszeiten

    mein geleimter Kopf
    hinter Gesehenem hergeschleift

    bloß vorbei geschwiegen
    mit Fastbenanntem begnügt
    utope ein Nochmal-Sehen

    Werkzeugleerer Verbmangel
    kurze, erschmerzte Geburten
    dem Reifen die Zeit abgetrieben

    die Kinderschuhe
    der stetig ersten Worte
    drücken, stehlen das Gehen
    erzwingen den Stand


    Franz Glas

    1996
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.
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